Lesezeit: ca. 8 Minuten · Zuletzt aktualisiert: 17. März 2026

Das Leitbild ist der erste Prüfpunkt in jedem AZAV-Audit — und gleichzeitig der Bestandteil des QM-Systems, bei dem die meisten Träger Punkte liegenlassen. Nicht weil es fehlt, sondern weil es zu allgemein formuliert ist, die Pflichtbestandteile unvollständig abdeckt oder in der Schublade liegt, statt gelebt zu werden.

Die Empfehlungen des Beirats nach § 182 SGB III definieren vier Pflichtbestandteile, die ein Leitbild enthalten muss. Die Fachkundige Stelle prüft im Audit nicht nur, ob ein Dokument existiert — sie prüft auch, ob Mitarbeiter das Leitbild kennen und ob es nach außen kommuniziert wird. Dieser Leitfaden zeigt, was konkret reingehört, was Auditoren sehen wollen und wie Sie ein Leitbild entwickeln, das über die formale Pflichterfüllung hinaus tatsächlich Orientierung gibt.[1]

Das Wichtigste in Kürze

  • Pflicht: Das Leitbild ist Bestandteil des QM-Systems nach § 178 Nr. 4 SGB III und wird in jedem AZAV-Audit geprüft.
  • 4 Pflichtbestandteile: Unternehmensprofil (inkl. Organigramm mit QM-Manager), Kunden und Zielgruppen, Ausrichtung am Arbeitsmarkt, Kommunikation nach innen und außen.
  • 3 Ebenen: Vision (Wo wollen wir hin?), Mission (Was ist unser Auftrag?), Werte (Woran orientieren wir uns?).
  • Audit-Prüfung: Dokumentiertes Leitbild + vollständige Inhalte + Mitarbeiter kennen es + nach außen sichtbar (z. B. Website).
  • Häufigster Fehler: Zu abstrakt und austauschbar. „Wir sind kundenorientiert und qualitätsbewusst“ steht in jedem zweiten Leitbild — das reicht nicht.

1. Die drei Ebenen: Vision, Mission, Werte

Ein Leitbild beantwortet drei Fragen. Jede Frage bildet eine Ebene — zusammen ergeben sie das Selbstverständnis Ihres Bildungsträgers.

Ebene Fragestellung Beispiel (gut) Beispiel (zu vage)
Vision Wo wollen wir in 5–10 Jahren stehen? „Erster Ansprechpartner für digitale Weiterbildung in der Region“ „Führender Anbieter von Bildungsdienstleistungen“
Mission Was ist unser Auftrag? „Wir befähigen Menschen, ihre beruflichen Ziele zu erreichen und nachhaltig am Arbeitsmarkt teilzuhaben“ „Durchführung von Maßnahmen zur beruflichen Eingliederung gemäß SGB III“
Werte Woran orientieren wir uns? „Wertschätzung: Wir begegnen allen auf Augenhöhe. Qualität: Wir messen uns an den Ergebnissen unserer Teilnehmer“ „Professionalität, Exzellenz, Kundenorientierung“

Der Unterschied zwischen gut und vage: Gute Formulierungen sind spezifisch und unterscheidbar. Sie passen nur zu Ihrem Träger, nicht zu jedem beliebigen Unternehmen. Schreiben Sie in der Gegenwartsform, verwenden Sie aktive Verben und vermeiden Sie Fachsprache, die Ihre eigenen Mitarbeiter nicht spontan erklären könnten.


Infografik – Das AZAV-Leitbild: Erfolgskriterien für Bildungsträger. Links die 3 AZAV-Pflichtbestandteile: Unternehmensprofil und Organigramm (Mitarbeiterzahl, Standorte, Einordnung QM-Manager), Kunden- und Arbeitsmarktfokus (klare Zielgruppenbeschreibung, Beitrag zur beruflichen Eingliederung) und Interne und externe Kommunikation (Leitbild muss für Mitarbeiter bekannt und nach außen sichtbar sein). Rechts oben die 3 Ebenen Vision, Mission, Werte mit Erklärung. Mitte: Partizipative Entwicklung in 3 Phasen (Bestandsaufnahme, Workshop, Feedbackschleifen mit dem Team). Rechts unten: Vergleichstabelle wirksame vs. unzureichende Formulierungen für Vision, Mission und Werte. Der Elevator-Pitch-Test: Ein gutes Leitbild ist in 30 Sekunden erklärbar und passt auf eine DIN-A4-Seite.
Das AZAV-Leitbild im Überblick: Pflichtbestandteile, drei Ebenen, Entwicklungsprozess und Formulierungsbeispiele (Infografik: AZAV-Wissen.de)

2. Die vier Pflichtbestandteile nach den Beirats-Empfehlungen

Die Empfehlungen des Beirats nach § 182 SGB III konkretisieren, was die Fachkundige Stelle bei der Trägerzulassung prüft. Daraus lassen sich vier Pflichtbestandteile ableiten, die jedes AZAV-konforme Leitbild abdecken muss.[1]

Pflichtbestandteil Was muss drin stehen? Nachweis im Audit
1. Unternehmensprofil Art und Größe der Einrichtung, Selbstverständnis, Mitarbeiterzahl, Standorte, Organigramm mit Einordnung des QM-Managers Schriftliches Dokument im QM-Handbuch oder separat
2. Kunden und Zielgruppen Klar umrissene Zielgruppe, Dokumentation der Kundenorientierung, Verfahren zur stetigen Verbesserung Erkennbare Zielgruppenbeschreibung im Leitbild
3. Ausrichtung am Arbeitsmarkt Beitrag zur beruflichen Eingliederung, Orientierung am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt Explizite Formulierung im Leitbild
4. Kommunikation Erarbeitung mit Stakeholdern, Kommunikation an alle Mitarbeitenden und nach außen Mitarbeiter kennen das Leitbild (Stichprobenbefragung), Veröffentlichung auf Website

Bestandteil 4 wird in Audits am häufigsten beanstandet — nicht weil das Leitbild fehlt, sondern weil es nicht kommuniziert wird. Die Fachkundige Stelle fragt erfahrungsgemäß Mitarbeiter stichprobenartig, ob sie das Leitbild kennen. Wenn drei von fünf Befragten mit den Schultern zucken, haben Sie ein Problem. Das Leitbild muss sichtbar sein: auf der Website, im Einarbeitungsprozess, idealerweise ausgehängt am Standort.

Praxis-Tipp: Organigramm nicht vergessen

Ein Punkt, der gerne übersehen wird: Das Unternehmensprofil im Leitbild muss ein Organigramm enthalten, aus dem die Einordnung des QM-Managers hervorgeht. Viele Träger haben das Organigramm separat im QM-Handbuch, aber nicht im oder beim Leitbild. Stellen Sie sicher, dass beides zusammen auffindbar ist — entweder integriert oder als klar referenzierter Anhang.

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3. Ein Leitbild entwickeln: 3 Phasen

Ein Leitbild, das die Geschäftsführung allein am Schreibtisch formuliert, wird selten im Alltag gelebt. Erfolgreiche Leitbilder entstehen unter Einbindung der Mitarbeiter — das schafft Akzeptanz und erhöht die Chance, dass die Fachkundige Stelle bei der Stichprobenbefragung zufriedene Gesichter vorfindet.

Phase 1 — Bestandsaufnahme (2–4 Wochen): Bilden Sie eine Arbeitsgruppe aus 5–8 Personen (Geschäftsführung, Dozenten, Verwaltung, QM-Beauftragte). Analysieren Sie: Was sind Ihre Stärken? Was unterscheidet Sie von anderen Trägern in der Region? Welche Werte werden heute schon gelebt? Befragen Sie auch Teilnehmer und Partner — deren Außenwahrnehmung ist oft aufschlussreicher als die Innensicht.

Phase 2 — Workshop und Formulierung (1–2 Tage): Erarbeiten Sie Vision, Mission und Werte gemeinsam. Stellen Sie für jede Ebene die Kernfrage und sammeln Sie Antworten. Formulieren Sie erste Entwürfe und prüfen Sie kritisch: Ist die Formulierung spezifisch für unseren Träger? Oder könnte sie genauso gut bei der Konkurrenz stehen? Achten Sie auf Verständlichkeit — statt „Optimierung der Employability“ schreiben Sie „bessere Jobchancen“.

Phase 3 — Feedback und Verabschiedung (2–3 Wochen): Präsentieren Sie den Entwurf allen Mitarbeitern, sammeln Sie Rückmeldungen und überarbeiten Sie. Lassen Sie das finale Leitbild von der Geschäftsführung offiziell verabschieden. Veröffentlichen Sie es auf der Website und hängen Sie es am Standort aus. Integrieren Sie es in den Einarbeitungsprozess für neue Mitarbeiter.

Praxis-Tipp: Der Elevator-Pitch-Test

Testen Sie Ihr fertiges Leitbild: Können Sie in 30 Sekunden erklären, wofür Ihr Träger steht? Wenn ja, ist es prägnant genug. Wenn nein, kürzen und schärfen Sie. Ein gutes Leitbild passt auf eine DIN-A4-Seite und ist in wenigen Minuten lesbar. Überprüfen Sie es alle 3–5 Jahre oder bei grundlegenden strategischen Veränderungen.

Das Leitbild ist ein Baustein im Gesamtsystem. Wie es sich in das Qualitätsmanagementsystem Ihres Trägers einfügt und welche weiteren Verfahren dort dokumentiert sein müssen — von der Eignungsfeststellung bis zum Beschwerdemanagement — beschreiben die jeweiligen Leitfäden.

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4. Fazit

Ein gutes Leitbild erfüllt drei Anforderungen gleichzeitig: Es deckt die vier Pflichtbestandteile ab, ist spezifisch genug, um Ihren Träger von anderen zu unterscheiden, und wird tatsächlich gelebt. Der häufigste Audit-Befund ist nicht das fehlende Leitbild, sondern das unsichtbare — eines, das im QM-Handbuch existiert, aber weder Mitarbeitern noch Teilnehmern bekannt ist.

Investieren Sie die Zeit für einen partizipativen Entwicklungsprozess. Ein Leitbild, das Ihre Mitarbeiter mitgestaltet haben, wird eher gelebt als eines, das von oben verordnet wurde. Und machen Sie es sichtbar: auf der Website, am Standort, im Einarbeitungsprozess. So bestehen Sie nicht nur das Audit, sondern schaffen echte Orientierung für Ihren Träger. Wie das gesamte Audit abläuft und worauf Prüfer achten, beschreibt der Leitfaden zu AZAV-Audit und Qualitätsmanagement.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Welche vier Pflichtbestandteile muss ein AZAV-Leitbild enthalten?

Unternehmensprofil (Art, Größe, Organigramm mit QM-Manager), Kunden und Zielgruppen, Ausrichtung am Arbeitsmarkt sowie Kommunikation nach innen und außen. Diese Bestandteile leiten sich aus den Empfehlungen des Beirats nach § 182 SGB III ab.

Wie lang sollte ein Leitbild sein?

Ein gutes Leitbild passt auf eine DIN-A4-Seite und ist in 3–5 Minuten lesbar. Es sollte prägnant und auf das Wesentliche konzentriert sein. Zu lange Leitbilder werden nicht gelesen und verfehlen ihre Wirkung.

Wie prüft die Fachkundige Stelle das Leitbild im Audit?

Die Fachkundige Stelle prüft, ob ein dokumentiertes Leitbild vorliegt, ob es die vier Pflichtbestandteile enthält und ob es kommuniziert wird. Stichprobenartig werden Mitarbeiter befragt, ob sie das Leitbild kennen. Außerdem wird geprüft, ob es nach außen sichtbar ist, etwa auf der Website.

Muss das Leitbild regelmäßig aktualisiert werden?

Ein Leitbild sollte grundsätzlich langfristig gültig sein. Eine Überprüfung alle 3–5 Jahre ist sinnvoll, um zu prüfen, ob es noch zur Organisation passt. Bei grundlegenden strategischen Veränderungen — etwa einer neuen Zielgruppe oder einem neuen Fachbereich — kann eine Anpassung notwendig sein.

Können kleine Bildungsträger ein einfacheres Leitbild haben?

Die vier Pflichtbestandteile gelten unabhängig von der Größe. Auch kleine Träger müssen alle abdecken. Allerdings kann die Formulierung kürzer und pragmatischer ausfallen als bei großen Organisationen — solange alle Bestandteile erkennbar sind.

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Über den Autor

Dennis Kraft - Herausgeber AZAV-Wissen.de

Dennis Kraft

Herausgeber & Gründer

Dennis Kraft ist Unternehmer an der Schnittstelle von geförderter Weiterbildung und unternehmerischer Praxis. Als Gründer und Geschäftsführer der Strategy Core Ventures GmbH begleitet er Bildungsträger beim Aufbau planbarer Teilnehmerstrukturen, klarer Prozesse und unternehmerischer Steuerbarkeit. Er ist Herausgeber von AZAV-Wissen.de – eines der reichweitenstärksten unabhängigen Fachportale für AZAV-Bildungsträger im deutschsprachigen Raum.

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