Zuletzt aktualisiert: 12. Februar 2026
Was ist der Matthäus-Effekt in der Weiterbildung?
Der Matthäus-Effekt in der Weiterbildung beschreibt das Phänomen, dass Personen, die bereits über ein hohes Bildungsniveau und gute berufliche Qualifikationen verfügen, überproportional häufiger an Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen. Im Gegensatz dazu sind geringqualifizierte, ältere oder arbeitslose Menschen systematisch unterrepräsentiert. Dieser Effekt führt dazu, dass bestehende soziale und berufliche Ungleichheiten nicht abgebaut, sondern tendenziell weiter verstärkt werden, getreu dem Motto: „Wer hat, dem wird gegeben.“
Inhaltsverzeichnis
- 1. Die Daten lügen nicht: Wer nimmt an Weiterbildungen teil?
- 2. Die Ursachen: Warum strukturelle Hürden mehr wiegen als fehlende Motivation
- 3. Strategien für Bildungsträger: Wie Sie dem Matthäus-Effekt entgegenwirken
- 4. Checkliste: 10 Schritte zur Förderung von Chancengleichheit
- 5. Häufig gestellte Fragen (FAQ)
1. Die Daten lügen nicht: Wer nimmt an Weiterbildungen teil?
Die Kluft in der Weiterbildungsbeteiligung ist keine bloße Vermutung, sondern ein statistisch belegter Fakt. Eine aktuelle Auswertung der Bertelsmann Stiftung, visualisiert von „Future of Work“, zeigt ein klares Bild, das den Matthäus-Effekt untermauert. Die Daten offenbaren, dass Personen mit bereits vorhandenen Vorteilen im Bildungssystem und am Arbeitsmarkt auch bei der Weiterbildung die Nase vorn haben.
Die Grafik zeigt deutlich: Je höher die formale Qualifikation und je mehr Weiterbildungserfahrung bereits vorhanden ist, desto aktiver nehmen Menschen an weiteren Maßnahmen teil. Besonders alarmierend ist der Unterschied bei Personen ohne Berufsausbildung: Hier stehen 9 % Weiterbildungsaktive ganzen 25 % Passiven gegenüber. Bei Personen mit (Fach-)Hochschulreife kehrt sich das Verhältnis mit 52 % zu 22 % dramatisch um. Dieser Trend setzt sich bei Personen mit hoher Berufsqualifikation (39 % vs. 13 %) und vor allem bei jenen mit bereits vorhandener Weiterbildungserfahrung (77 % vs. 23 %) fort. [1]
Diese Zahlen bestätigen, was die Forschung seit Langem beschreibt: Weiterbildung erreicht vor allem jene, die sie aus einer privilegierten Position heraus ohnehin leichter in Anspruch nehmen können. Für Bildungsträger bedeutet dies, dass ein reines Anbieten von Kursen nicht ausreicht, um die bildungspolitisch so wichtige Chancengleichheit zu fördern.
Praxis-Tipp: Zielgruppenanalyse überdenken
Verlassen Sie sich nicht auf traditionelle Zielgruppendefinitionen. Analysieren Sie stattdessen, welche Personengruppen in Ihren aktuellen Maßnahmen unterrepräsentiert sind. Nutzen Sie die Daten aus der Infografik als Ausgangspunkt, um gezielt Marketing- und Ansprachestrategien für Geringqualifizierte oder Menschen ohne formale Weiterbildungserfahrung zu entwickeln.
2. Die Ursachen: Warum strukturelle Hürden mehr wiegen als fehlende Motivation
Entgegen der oft geäußerten Annahme liegt die geringere Weiterbildungsbeteiligung bildungsferner Gruppen selten an mangelnder Motivation. Die Forschung, unter anderem vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und der Hans-Böckler-Stiftung, zeigt, dass die Gründe tiefer liegen und vor allem struktureller Natur sind. [2] [3] Diese Hürden verhindern systematisch, dass bestimmte Personengruppen ihr Potenzial durch Weiterbildung entfalten können.
| Strukturelle Hürde | Beschreibung |
|---|---|
| Fehlende Orientierung | Der Weiterbildungsmarkt ist komplex und unübersichtlich. Potenzielle Teilnehmer finden oft nicht die passenden Angebote oder können deren Qualität und Relevanz für ihre berufliche Situation schwer einschätzen. |
| Zeit- und Kostenrisiken | Weiterbildungen, insbesondere solche, die nicht direkt vom Arbeitgeber finanziert werden, stellen ein erhebliches finanzielles und zeitliches Risiko dar. Für Personen in prekären Beschäftigungsverhältnissen oder mit geringem Einkommen ist diese Hürde oft unüberwindbar. |
| Schwache Weiterbildungskultur | In vielen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) sowie in Branchen mit einem hohen Anteil an Geringqualifizierten ist eine Kultur des lebenslangen Lernens kaum verankert. Es fehlt an Freistellungsmöglichkeiten, finanzieller Unterstützung und der grundsätzlichen Anerkennung von Weiterbildung als strategisches Instrument. |
| Negative Lernerfahrungen | Frühere negative Erfahrungen im formalen Bildungssystem können zu einer mentalen Barriere und einer grundlegenden Skepsis gegenüber Lernformaten und Lehrenden führen. |
Diese Faktoren schaffen einen Teufelskreis: Die Arbeitsmarktallokation, also die Zuweisung zu bestimmten Arbeitsaufgaben und -bedingungen, benachteiligt Geringqualifizierte von vornherein. Sie haben seltener Zugang zu Jobs, in denen Weiterbildung gefördert wird, was ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt weiter schmälert und die Ungleichheitsspirale fortsetzt. Es ist daher entscheidend, dass Bildungsträger diese strukturellen Barrieren verstehen und proaktiv adressieren.
3. Strategien für Bildungsträger: Wie Sie dem Matthäus-Effekt entgegenwirken
Bildungsträger stehen in der Verantwortung, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch aktiv zur Chancengleichheit beizutragen. Ein reines „Gießkannenprinzip“ bei der Angebotsgestaltung verstärkt bestehende Ungleichheiten nur. Gefragt sind stattdessen zielgruppenspezifische und proaktive Strategien, die die strukturellen Hürden für benachteiligte Gruppen abbauen. Hier sind konkrete Ansätze, die Sie als Bildungsträger verfolgen können:
- Niedrigschwellige und modulare Angebote schaffen: Entwickeln Sie kurze, flexible und thematisch fokussierte Kursmodule. Dies senkt die Eintrittsbarriere und ermöglicht es den Teilnehmenden, ohne großes Zeit- oder Kostenrisiko erste positive Lernerfahrungen zu sammeln. Zertifikate für abgeschlossene Module können die Motivation zusätzlich steigern.
- Proaktive und persönliche Beratung: Gehen Sie aktiv auf potenzielle Teilnehmer zu, anstatt nur auf Anmeldungen zu warten. Bieten Sie eine umfassende, kostenlose und unverbindliche Bildungsberatung an, die die individuelle Lebens- und Arbeitssituation berücksichtigt. Zeigen Sie konkrete Karrierewege auf, die durch Ihre Angebote ermöglicht werden.
- Kooperationen mit Unternehmen und Arbeitsagenturen: Arbeiten Sie eng mit KMU und lokalen Arbeitsagenturen zusammen. Sensibilisieren Sie Personalverantwortliche für die Vorteile einer diversen Weiterbildungsstrategie und entwickeln Sie passgenaue Inhouse-Schulungen für deren Belegschaft, insbesondere für Geringqualifizierte.
- Transparente Kommunikation und Marketing: Gestalten Sie Ihre Webseite und Ihr Marketingmaterial verständlich und zugänglich. Vermeiden Sie Fachjargon und kommunizieren Sie den Nutzen Ihrer Kurse klar und praxisnah. Nutzen Sie Erfolgsgeschichten von Absolventen aus ähnlichen Zielgruppen, um Vertrauen aufzubauen.
- Fokus auf positive Lernumgebung: Schaffen Sie eine wertschätzende und angstfreie Lernatmosphäre. Setzen Sie auf Dozenten, die pädagogisch geschult sind und sensibel auf die Bedürfnisse von lernungewohnten Teilnehmenden eingehen können. Positive Erfahrungen sind der Schlüssel, um mentale Barrieren abzubauen.
Checkliste: 10 Schritte zur Förderung von Chancengleichheit
- Unterrepräsentierte Zielgruppen in Marketing und Ansprache priorisieren.
- Kostenlose und persönliche Bildungsberatung anbieten.
- Kurze, modulare und zertifizierbare Kursformate entwickeln.
- Flexible Zeitmodelle (Abendkurse, Wochenendkurse) ermöglichen.
- Transparenz über Kosten, Förderungen und Nutzen schaffen.
- Kooperationen mit lokalen Unternehmen und der Agentur für Arbeit aufbauen.
- Erfolgsgeschichten von Absolventen als Testimonials nutzen.
- Eine wertschätzende und fehlerfreundliche Lernkultur etablieren.
- Dozenten für die Arbeit mit heterogenen Gruppen sensibilisieren und schulen.
- Regelmäßig die Zusammensetzung der Teilnehmenden evaluieren und Strategien anpassen.
Gestalten Sie die Zukunft der Weiterbildung aktiv mit!
Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, die Hürden abzubauen und echte Chancengleichheit zu schaffen. Kontaktieren Sie uns für eine unverbindliche Beratung und erfahren Sie, wie wir Sie unterstützen können.
5. Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Warum nehmen Geringqualifizierte seltener an Weiterbildungen teil?
Die Gründe sind meist struktureller Natur und nicht auf fehlende Motivation zurückzuführen. Dazu gehören ein unübersichtlicher Weiterbildungsmarkt, hohe Kosten- und Zeitrisiken, eine schwach ausgeprägte Weiterbildungskultur in vielen Betrieben sowie teils negative frühere Lernerfahrungen.
Was können Bildungsträger konkret gegen den Matthäus-Effekt tun?
Bildungsträger können zielgruppenspezifische Strategien entwickeln. Dazu zählen niedrigschwellige, modulare Angebote, eine proaktive und persönliche Beratung, Kooperationen mit Unternehmen, eine transparente Kommunikation und die Schaffung einer positiven, wertschätzenden Lernumgebung.
Welche Rolle spielt die Unternehmenskultur bei der Weiterbildungsbeteiligung?
Eine positive Weiterbildungskultur im Unternehmen ist entscheidend. Wenn lebenslanges Lernen aktiv gefördert, finanziell unterstützt und durch Freistellungen ermöglicht wird, steigt die Beteiligung aller Beschäftigtengruppen signifikant. Fehlt diese Kultur, bleibt Weiterbildung oft ein Privileg Einzelner.
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Quellen
[1] Bertelsmann Stiftung / Future of Work: Wer nimmt an Weiterbildungen teil?
[2] WZB (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung): Ist Bildung der Schlüssel?
[3] Arbeit der Zukunft / Hans-Böckler-Stiftung: Weiterbildung für alle: Hohe Zustimmung, hohe Hürden
Über den Autor: Dennis Kraft
Dennis Kraft ist Unternehmer an der Schnittstelle von geförderter Weiterbildung und unternehmerischer Praxis. Als Gründer und Geschäftsführer der Strategy Core Ventures GmbH begleitet er Bildungsträger beim Aufbau planbarer Teilnehmerstrukturen, klarer Prozesse und unternehmerischer Steuerbarkeit. Er ist Herausgeber von AZAV-Wissen.de – eines der reichweitenstärksten unabhängigen Fachportale für AZAV-Bildungsträger im deutschsprachigen Raum.
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